• Zen
    Essenz
    Zen I, 2019, Öl auf Leinwand
  • Interior 3
    Innere Landschaft
    Interior III, 2019, Öl auf Leinwand
  • Meer, Atelier Plöger, Malerei
    Ströme
    Meer, 2017, Öl auf Leinwand
  • Garben
    Räuche, 2016, Öl auf Leinwand
  • Plöger malerei
    Positionen
    Opening II, 2016, Öl auf Leinwand
  • Malerei detmolder maler axel ploeger
    Moment
    Herbstzeitlose, 2015, Öl auf Leinwand
  • plöger maler ostwestfälische kunstszene bielfeld
    Insomnia
    Lago Agrio, 2015, Acryl auf Papier

Autobiografisches Arbeiten

Ich male gerade und beobachte mich dabei selbst: Was mir so im Kopf herum geht, worüber ich nachdenke, wenn ich male. Ich male große flächige Formen mit großem breiten Pinsel, aber auch feine Linien. Es sind Strukturen, die abgelöst werden durch einzelne Setzungen. Mir geht es immer mehr um Sensibilität und Präzision im Auflegen der Farbe mit dem Pinsel, das Ausbreiten auf der Leinwand bzw. hier auf dem Papier, die spontane Aktion und der Prozess, der sich dadurch darstellt. Im Hintergrund Musik von Philipp Glass „Facades“. Das Ganze vermittelt mir gerade ein Gefühl der Hoffnung, die große Kraft auf dem Grund der Melancholie, als Gegenpol zu der Nichtexistenz des Seins, das ich als solches nicht wahrnehmen kann. Im Moment des Malens spüre ich mich und verstehe Existenz durch das was ich tue und also bin. Und das sehe ich in der Ausbreitung eines weißen Fleckes, seiner Form auf einem gebrochen grünen Untergrund. Dort ist genau das Thema, das mich interessiert. Manchmal möchte ich es sehr genau formulieren, um es in einer sprachlichen Form festzuhalten, die verständlicher ist, als es in der Farbe erscheint. Aber das ist natürlich so nicht möglich: Das Schöne ist das Bild und das Schöne ist die Farbe, wenn sie funktioniert, über die Sinne unmittelbar wirkt. Klare einfache Farben, das ist es was ich suche. Es gibt die Momente des zutiefst verbrochenen, des melancholischen In-mir-Seins, die Trägheit, die Langeweile, die Aussichtslosigkeit, die Sinnlosigkeit malerischen Tuns, das Unvorhandensein, das Unglaubliche. Und dann gibt es das Moment, da es funktioniert, die Bestätigung, wenn es funktioniert.

Die Frage des Malens ist nicht die, welche Farbe das vorhandene Bild fordert, sondern mein Impuls muss sich gegenüber dem Vorhandenen definieren. So entsteht Diskussion, Dissonanz, Resonanz, es entsteht eine Beziehung zwischen dem vorhandenen Bildraum und dem momentanen Eingriff, ein Reagieren, ein Solieren, ein Auftreten im Moment des Malens gegenüber dem vorhandenen Farbaum: Raum, System, Linie, Solo sind musikalische Ideen der Improvisation, des Aufklingenlassens von Verwandtschaften. Und immer wieder die Frage nach dem eigenen Platz, dem Raum, den ich einnehmen muss, den das Blau braucht oder das Rot, wenn es sich ausbreitet auf dem gelben Raum. Der Hintergrund, das vorhandene Bild, ist ein Raum. Ich reagiere immer auf einen Farbraum. Und ich greife ein mit einer Linie, einem Punkt, einem System, mit einer Fläche, einer Zerstörung, also mit etwas aus mir heraus motiviertem, ich nehme eine Gegenposition ein, eine von dem Raum verschiedene. Ich trete mit dem Farbraum in Kommunikation durch das Moment des Setzens. Dadurch entsteht zwangsläufig eine Spannung, die sich manchmal hält und gut ist, sich oft aber auch auflöst, verblasst, verwässert, sich anpasst und langfristig die Spannung nicht hält. So entstehen unterschiedliche Qualitäten. Dabei geht nie darum, und das ist mir wichtig, eine gestalterische Methodik zu betreiben. Obwohl die benutzten Techniken durchaus von formalen Erfahrungen geprägt sind, geht es mir aber ganz entschieden nicht um formale Untersuchungen: kein Abarbeiten von Möglichkeiten, kein Deklinieren, kein Konjugieren von Versionen, von Konstellationen, sondern immer um das Moment des neuen Eingriffes, der neuen Idee. Wobei die Idee nicht mehr ist, als der augenblickliche Standpunkt als Maler. Aus dieser lebendigen Position entsteht jegliche Form und ist somit reinen Inhalts. Sie entsteht aus dem bewusst Erfahrenen, dem Vergessenen, Unbewusstem, noch nicht Gewusstem, dem sinnlich Erfahrenen, als deutliche Setzung gegen die Wiederholung,  gegen System, gegen Abarbeiten von Themen, Techniken und Tricks und vor allem gegen den Zufall, der mir im Moment des Malens immer wieder die Hand reichen möchte. Der Zufall bezaubert, verwirrt und ist meine stärkste Herausforderung und Inspiration, fordert mich aber immer wieder, mich selbst zu definieren, darzustellen im Moment des Machens. D. h., die Farbe auf dem Pinsel geht auf das Papier, auf den Farbraum und stellt einen singulären, einen vereinzelten Farbfleck dar, eine Linie, eine Lasur, eine Figuration, die sich gegen den Raum behauptet. Im Grunde: Figur und Raum, als zutiefst autobiografisches Thema; gegen die Zufälligkeit des Seins setze ich meine Autobiografie. Durch meine malerische Arbeitslinie entsteht eine Sinnhaftigkeit, die mich als Ich definiert, aber auch als Mensch, als gesellschaftliches Wesen, als politisches Wesen, in der Gruppe. Wobei meine Motivation vorwiegend aus einem melancholischen, Ich-fühlenden Wesen entsteht. Ich male mit der großen Hoffnung, Neues zu entdecken. Malen ist somit Prozess und Dokumentation zugleich, der so eine Art von Person, eine künstlerische Person bildet. Im Moment des Malens ist das Bild aktuell, der Raum spürbar. Es entsteht ein Jetzt, das mit der Farbe trocknet, zu Vergangenem wird, zu Bild.

Das Bild ist Dokument vergangenen Seins, der Farbraum ist interpretiertes Bild. Malen ist das zeitlose Schaffen eines neuen Jetzt. Dieser Kreislauf ist der künstlerische Prozess, ein autobiografischer Prozess, der sich selbst bestätigt, sich selbst kritisiert, der versucht, offen zu sein im Moment der Entstehung. Meine Kriterien sind: Langeweile, Zufall, Raum, Rhythmus, Klang, Landschaft, Illusion, Balance, Gegensätze. Die Kriterien des Betrachters entspringen grundsätzlich seiner eigenen Betrachtung, seiner Position gegenüber Gesellschaft, darin Kunst, darin verschiedene künstlerische Formen, darin Malerei als formelles farbiges Erlebnis verschiedener Formen und Techniken. Das eigene Erleben, die eigene Wahrnehmung interpretiert, empfindet unmittelbar und versucht zu begreifen, zu erkunden, ist oberflächlich, fühlt sich herausgefordert hinter die Oberfläche zu gucken. Wiederholtes Gucken wird provoziert, Assoziationen stellen sich ein, Verbindungen zu anderen, den mitgebrachten Bildern in der Tasche.

Der Bezug zu meiner Autobiografie schafft einen sich selbst bewussten Spiegel, in den der Betrachter sieht. Dieser Spiegel bleibt unergründlich, gerade in seiner Offenheit und Kritikfähigkeit undurchdringlich, nicht entschlüsselbar und somit Kunstwerk.

13.11.13 Axel Plöger